Vorstehendes Foto habe ich 1958 in Meissen aufgenommen.
Es handelt sich um einen Demonstrationsmarsch der sogenannten
Betriebskampfgruppen, die im Ernstfall (Provokationen durch
den Klassenfeind, Angriff von Saboteuren, CIA-Aktionen und
Krieg) die Fabriken und Versorgungseinrichtungen mit der Waffe
schützen sollten. Soweit ich mich erinnern kann, fanden solche
martialischen Umzüge alljährlich zum ,,Tag der Betriebskampf-
gruppen" statt. Mit der Aufstellung derartiger paramilitärischen
Organisationen - von denen es noch etliche andere gab - wurde
einerseits die Bevölkerung und deren Alltag schlimmer militarisiert,
als es je unter Hitler oder zur Kaiserzeit geschah und andererseits
wurde das Gespenst des allgegenwärtigen Klassenfeindes
an die Wand gemalt, der hinter jeder Ecke lauerte und den es
zu jeder Tages- und Nachtzeit zu bekämpfen galt. Heute nun
- 1998 - möchte das niemand mehr wahrhaben, weder in Ost
noch in West.
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Vor 40 Jahren - 1958 - wurden Ministerpräsident
Nagy und General Maleter als die angeblichen
Führer des ungarischen Volksaufstandes von
1956 in Budapest hingerichtet.
(Aus dem historischen Kalenderblatt.)
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Man beachte den Uniformträger in der vordersten Reihe.
Dieser Offizier könnte direkt aus der Hitlerwehrmacht
übernommen worden sein. Dahinter der Fahnenträger,
flankiert von Maschinenpistolen-Rambos, gefolgt von der
Truppe mit geschulterten Karabinern, alles im Gleichschritt
marsch. Die Bevölkerung allerdings nimmt kaum Anteil.
Niemand schaut aus den Fenstern, wenig Fahnen in den
Fenstern und nur paar Kinder am Straßenrand.
Kaum paar Wochen in der DDR, wurde ich schon als eben
solcher Klassenfeind argwöhnisch beobachtet und von etlichen
Leuten aus meiner Umgebung (Wohn- und Arbeitsbereich)
- man glaubt es kaum, tag und nacht - observiert. Ich frage
mich, wann haben bloss diese vom Ministerium für
Staatssicherheit angeheuerten betreffenden Mitbewohner
geschlafen?
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Der ehemalige CSU-Partei-Chef Franz
Josef Strauss wurde von der Stasi unter
dem Decknamen ,,Gröbaz" geführt,
behauptet Markus Wolf.
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Im folgenden gebe ich eine Seite aus der Stasiakte im
Faksimile wieder, so wie ich diese von der Gauck-
behörde erhalten habe. Hier ersucht eine DDR-Zensurstelle
um Auskunft bei der Meissner Polizei, ob an mich gerichtete
Drucksachen und Zeitungen aus Westdeutschland ausgeliefert
werden können oder ob ich diese aus beruflichen Gründen
nicht benötige. Westliche Druckerzeugnisse - also die vom
Klassenfeind - durften DDRler nur empfangen, wenn sie
für die Berufsarbeit unerlässlich waren. Aber das allein
genügte nicht. Der betreffende Mensch musste gesellschaftlich
,,gefestigt" sein und sich als ,,linientreu" erwiesen haben.
Klar, dass kaum eine solche Drucksache bis in meine
Meissner Wohnung kam. Es sei denn, ich hätte sie persönlich
aus Westberlin mitgebracht.
Seite 16 der Stasi-Akte zeigt lediglich eine Kopie des
Briefumschlages für den Brief der Berliner Zensurstelle
(Zentralstelle für wissenschaftliche Literatur) an die
Meissner Volkspolizei. Obwohl nun Seite 17 mit dem
Brief als Faksimile oben vorliegt, gebe ich hier das
Schreiben im Klartext wieder, weil die eine oder andere
Passage in der Bilddatei etwas schwierig zu lesen ist.
***
Zentralstelle für wissenschaftliche Literatur
Berlin - Unter den Linden 8
Vertraulich!
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An das Volkspolizeipräsidium
Meissen
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Unser Zeichen P/Ke/Ba. Tag: 1.6.1956.
Wir bitten Sie um eine vertrauliche Auskunft in folgender
Angelegenheit: Seit einiger Zeit werden und von verschie-
denen Hauptpostämtern Zeitschriftensendungen zur Be-
gutachtung vorgelegt, die wie folgt adressiert sind:
Schriftleitung "Der Widerhall" Herrn Heubaum, Lochham
bei München, ... ... ... . Diese Adresse ist von der
Bundespost (Westdeutsche Post-KHH) wie folgt geändert:
Meissen/Sachsen, Luise-Otto-Str. 1
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Drei sächsischen PDS-Landtagsabgeordneten
soll wegen ihrer früheren Stasi-Tätigkeit
das Mandat aberkannt werden.
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Bei den Zeitschriften handelt es sich oftmals um solche,
deren Einfuhr wegen ihres antidemokratischen Inhaltes
nicht zugelassen werden kann (z.B.La legione Verlagsort
Mailand). Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns
mitteilen würden, ob die genannte Schriftleitung jetzt in
Meissen ihr Domizil hat oder ob es sich bei Herrn Heubaum
um eine Privatperson handelt, die derartige Zeitschriften
aus beruflichen Gründen nicht benötigt.
I.A. Unterschrift (Natalis) Referent
Abt. E: Nach den nochmaligen Ermittlungen, Wiedervorlage
bei mir am ? 13.6.56? Unterschrift
***
Kommentar: Verharmlosender kann der Zensur-Durchführende
das Verbot von Westzeitschriften nicht umschreiben:
bei mir handelt es sich um eine Privatperson, die derartige
Zeitschriften ... ... nicht BENÖTIGT. Der ,,Grosse Bruder"
bestimmt in Diktaturen was der Untertan ,,benötigt". Dem
Bürger wird zugeteilt, was er ,,benötigt". So ist das in Diktaturen,
in denen wird möglichst alles zugeteilt bis hin zum Glück.
Auch in einer möglichen Öko-Diktatur einer Trittin-Partei:
Ein Urlaubsflug alle fünf Jahre muss den Deutschen
genügen und das Auto muss dem Michel mit DM-5-Benzin
ausgetrieben werden. Das Glück liegt in den ICE-Zügen,
meinen die Trittiner.
***
Seite 18:
Betr. Heubaum Karl-Heinz
verh. Beruf: Zimmermann
Rückkehrer 19. 12. 55
aus Westdeutschland
Lochham, Gem. Gräfelfing
jetzt Louise-Otto-Str.1
Aktennotiz 14.6.56
am 14.6.56 pers.Rücksprache mit Koll. D. ... und K. ... ...
vom ZWL (Zentralstelle für wissenschaftliche Literatur-KHH)
und vereinbart, dass an VPKA Meissen (Volkspolizeikreisamt
KHH) diese Hetzschriften zugestellt werden.
(Unterschrift)
(Amtsleiter in Kenntnis setzen)
***
Seite 19 - Stasiakte Heubaum:
Kreisdienststelle Meissen - Meissen, den 15.3.1957
Aktenvermerk
-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.
Durch den Gen. M ... ... , Parteisekretär der Bauwerke Meissen,
wurde mitgeteilt, dass Heubaum vom 3.1.1956 bis 17.9.1956 in
den Bauwerken als Zimmermann tätig war. Während dieser Zeit
war er auf keiner festen Baustelle tätig, sondern erledigte
Aushilfsarbeiten. In politischer Hinsicht sei nichts Nachteiliges
bekannt.
Der Gen. S. (Name bekannt) ... (Schwärzung) in den Bauwerken,
erklärte, er wohne in der Nähe des Heubaum und habe oft fest-
gestellt, dass fast ständig nachts Licht brennt. Durch Hausbewohner
sei ihm mitgeteilt worden, dass Heubaum des öfteren in der Nacht
auf einer Schreibmaschine schreibt. Weiterhin wurde durch den
Gen. S. bekannt, dass der Heubaum ein Leichtmotorrad besitzt.
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Man muss in den Dreck
hineingeschlagen haben,
um zu wissen,
wie weit er spritzt.
(Wilhelm Raabe)
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Eine Überprüfung ergab, dass er im VEB EWS (Elektrowärme
Sörnewitz, ein enteignetes Siemens-Werk KHH) als
Spezialtransportarbeiter tätig ist.
Unterschrift K. (voller Name bekannt KHH) Ltn.
***
Kommentar: Sehr wohl war ich auf ,,festen" Baustellen tätig,
z.B. beim Theaterumbau in Meissen, wie weiter oben ein
Dokument bestätigt. Trotz 27 Grad minus mussten wir auf
dieser Theaterbaustelle in Januar antanzen und alle Arbeiter
sassen um einen Kanonenofen herum und klopften alte ver-
rostete krumme Nägel grade. Tagelang. Diese alten Nägel
verwendeten wir viel lieber, als die neuen aus Polen, denn
die waren so weich, dass jeder zweite bei der Verabeitung
krumm ging. Das nur nebenbei. - Wollte der Parteisekretär
keinen Ärger haben, als er behauptete, ich sei auf keiner
festen Baustelle gewesen. So wehrte er weitere Schnüffelei
auf ,,seinen" Baustellen ab.
Bei Heubaum brennt nachts Licht. Irre - einfach irre diese
Schnüffelei. In Stalins Kreml-Arbeitsräumen brannte im
Vaterländischen Krieg auch immer Licht. Aber dem
Minderheitenmörder wurde das dahingehend positiv
ausgelegt: er arbeite auch nachts für sein Volk.
Auch Schreibmaschine schreibt der Heubaum des nachts.
Woher nahm ich bloss die Energie tagsüber auf dem
Bau zu arbeiten, meinetwegen auch aushilfsweise?
Dabei gab es fürs Nachtlicht zumeist eine ganz simple
Erklärung. Unsere Babys verlangten Versorgung.
Erst der Sohn und dann die zweite Tochter. Aber
sicher habe ich auch hin und wieder mit der Schreib-
maschine geklappert. Ohne daran zu denken, dass das
eine gefährliche Beschäftigung ist. Der Besitz einer
Schreibmaschine, nächtliches Licht und ein Leicht-
motorrad beflügelten die Gedanken der Leute von der
Firma Guck & Horch und machen einen Menschen
in einer Diktatur leninistisch-stalinistischer Prägung
äusserst suspekt.
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Arbeitnehmer in den neuen Ländern können
auch heute noch wegen intensiver Stasi-Mit-
arbeit entlassen werden, wenn sie Kontakte
zur Geheimpolizei im Personalfragebogen
geleugnet haben. So das Bundesarbeitsgericht.
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Aber wenden wir uns dem nächsten Blatt zu.
Seite 20 beinhaltet eine ,,Aufstellung" der Kreis-
dienststelle Meissen ohne Datumsangabe über die
Absender der Post, die ich zu der Zeit in Meissen
erhielt. Es sind dreizehn verschiedene Briefpartner
aus Westdeutschland und Westberlin mit deren
Absenderangaben. Warum die Gauckbehörde
die Strassenangaben geschwärzt hat, nicht aber
Orte und Namen der Personen, ist wohl ein beson-
deres Geheimnis dieser Behörde. Ich selbst kenne
schliesslich die Leute.
Auf Seite 21 ist es soweit. Die Stasistelle Meissen
erstellt am 15.3.1957 einen Operativplan. Diese sind
dafür bekannt, dass nun der ,,Krieg" richtig losgeht:
Kreisdienststelle Meissen - Meissen, den 15.3.1957
OPERATIVPLAN
.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.
1.) Durch offizielle Befragung im VEB EWS Coswig
(Volkseigener Betrieb Elektrowärme Sörnewitz - KHH)
feststellen, wo und in welcher Abteilung Heubaum be-
schäftigt ist und wie seine Arbeitsleistungen sind sowie
sein Verkehr im Betrieb.
Termin: 26. 3. 1957
2.) Ermittlungen im Wohngebiet durchführen, um fest-
zustellen, mit welchen Personen er verkehrt und ob er
oft Besuche empfängt. Vor allem, was er nachts treibt.
Termin: 23. 3. 1957
3.) In Verbindung mit dem Gen. Ofw. P (Name bekannt)
einen geeigneten GI (siehe unten - KHH) aus dem VEB
EWS Coswig an den Heubaum ansetzen, um einen po-
sitiven Kontakt herzustellen.
Termin: 30. 3. 1957
4.) Nach entsprechender Aufklärung Aussprache mit dem
Heubaum vorbereiten mit dem Ziel der Werbung.
Termin: 15. 4. 1957
Unterschrift - Name bekannt - Ltn.
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Wie Markus Wolf vom DDR-Geheimdienst behauptet,
war Strauss (ehemaliger CSU-Vorsitzender) eine gute
Quelle. Man habe in Gesprächen mit ihm interessante
Informationen bekommen. Strauss sei sein eigener
Agent gewesen, so Markus Wolf.
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Soweit Seite 21. Ob unter 4.) zum Ausdruck kommt, dass
ich zum Schluss der Operation für die Stasi geworben werden
sollte oder wie es tatsächlich mittels ,,Agent provocateur"
geschah, vorgeblich für einen westlichen Geheimdienst
geworben werden sollte, um dann einen Verhaftungsgrund
zu haben, bleibt im Dokument offen.
Ein GI (siehe unter 3.) ist ein Geheimer Informator. Das
sind laut Stasi-Richtlinie 1/58 ,,Personen, die auf Grund
guter Möglichkeiten, die sich aus ihren Kenntnissen,
Fähigkeiten sowie ihrer gesellschaftlichen Stellung ergeben,
in der Lage sind, den Organen des Ministeriums für Staats-
sicherheitsdienst die sie interessierenden Angaben zu be-
schaffen." Diese Leute entsprachen dem späteren
Inoffiziellen Mitarbeiter für Sicherheit (IMS), kurz IM im
Sprachgebrauch.
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Unter CDU-Ministerpräsident Erwin Teufel darf
in Baden-Württemberg die Polizei weiter bei
Personen ALLER Berufsgruppen den sogenannten
Grossen Lauschangriff anwenden. Die auf Druck
der SPD auf Bundesebene beschlossenen Ausnah-
men für Berufsgruppen mit Zeugnisverweigerungs-
recht (Geistliche, Anwälte, Ärzte, Journalisten)
sind unter CDU-Teufel im Ländle ausser Kraft gesetzt.
Stand: 16. Juni 1998.
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1960 hatte ein DDR-Richter einen Bürger zu zwei
Jahren Gefängnis verurteilt, weil er einen illigalen
Geldumtausch vorgenommen hatte. Wie jetzt das
Berliner Landgericht urteilte, hat dieser DDR-Richter
keine Rechtsbeugung begangen. Zwar scheine heute
die Strafe unangemessen hoch, doch 1960 sei sie
vertretbar gewesen. - Stand 17. Juni 1998. -
In der deutschen Gesellschaft war der "illegale"
Geldtausch ein Volkssport, vom Westen angeheizt.
Deswegen zur Abschreckung unverhältnismässig
hohe Strafen und die sind m.E. immer an der
Grenze zur Rechtsbeugung angesiedelt. Aber
erstens ist unsere Republik mit dem DDR-Beitritt
eine andere geworden und zweitens hackt keine
Krähe der anderen ein Auge aus. - Oje, da wird
mir noch nachträglich schlecht. Meine Frau hatte
ja Ostmark nach Meissen mitgebracht. Siehe
1. Teil der Stasiakte in Widerhall Nr. 3 unter URL:
http://home.t-online.de/home/333200000069-2/wh3.htm
Fortsetzung
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Alle Rechte bei Karl-Heinz Heubaum
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per eMail an karl-heinz.heubaum@t-online.de
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