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6. Die Verbindung von ökologischem Umbau, Modernisierung der Arbeitsgesellschaft und Begründung einer vielgestaltigen und reichhaltigen Lebensweise könnte einen nachhaltigen Entwicklungstyp schaffen, der die Schranken des fordistischen Kapitalismus überwindet, umweltverträglich wird und die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine freiere Entwicklung aller ermöglicht.
Es geht um einen neuen Entwicklungsweg, der den sozial gebändigten Kapitalismus der Nachkriegszeit ablöst.
Technologisch sind die Gesellschaften heute in der Lage, alle Menschen der Erde mit einem geringen Aufwand an Arbeitskraft zu versorgen. Diese Entwicklung hat aber nicht dazu geführt, daß alle weniger arbeiten. Ein wachsender Teil der erwerbsfähigen Bevölkerung hat keine bezahlte Arbeit, der andere Teil arbeitet immer mehr, verdient zum Teil auch mehr, muß aber über die steigenden Steuern und Sozialabgaben für die "überflüssig" gemachten Bevölkerungsteile mit aufkommen. Diese Art der Produktivitätsentwicklung und des Wachstums bedeutet, daß zunehmend die soziale Integration zerstört wird und die Lebenswelten der Menschen veröden - derjenigen ohne Arbeit wie derjenigen, denen in der Leistungskonkurrenz die Zeit und die Fähigkeit für reichhaltige menschliche Beziehungen und Genüsse abhanden kommen.
Der enormen Steigerung der Arbeitsproduktivität entsprach keine äquivalente Entwicklung der Effektivität im Umgang mit Ressourcen und Produktionsfaktoren. Insbesondere die Ausbeutung von Naturressourcen ist enorm gewachsen, ohne daß die Effizienz ihrer Nutzung in vergleichbarem Maße gestiegen wäre. Eine solche Entwicklung untergräbt nicht nur die Bedingungen künftiger Produktion und Konsumtion auf katastrophale Weise, sie zerstört die menschlichen Lebenswelten, deren Grundlage die Natur ist.
Es ist möglich und erforderlich, einen neuen Pfad wirtschaftlicher Entwicklung einzuschlagen und einen mit der Umwelt und den menschlichen Bedürfnissen vereinbaren Entwicklungstyp zu finden. Auf der Tagesordnung steht ein sozialökologischer Umbau, der auch als globale Revolution (Club of Rome) bezeichnet werden kann und das 21. Jahrhundert prägen muß. Drei Aspekte dieses Umbaus seien besonders hervorgehoben:
(1) der Übergang zu ökologischer Nachhaltigkeit und die damit verbundene und möglich werdende Umorientierung der Produktion von der Produktion materieller Güter hin zur Erzeugung wirklich menschlichen Reichtums - "die im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen" (Karl Marx);
(2) eine globale Offensive zur Überwindung von Armut, Hunger und Unterentwicklung und
(3) ein Aufbruch, der die Gleichstellung der Geschlechter in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Medien und Kultur durchsetzt. Eine moderne Linke reduziert die Überwindung patriarchaler Macht jedoch nicht auf Gleichstellungspolitik. Sie sieht die emanzipatorischen Kämpfe der Frauen als eine der großen Bewegungen für gesellschaftlichen Wandel an.
Es steht nicht weniger als der Umbau der Weltgesellschaft selbst auf der Tagesordnung. Das Aufbrechen von Herrschaftsstrukturen betrifft die Vorherrschaft der Kapitalverwertung über die Gesellschaft, das zerstörerische Herrschaftsstreben der Gesellschaft über die irdische Natur, die Herrschaft des "Nordens" über den "Süden" und die Herrschaft von Männern über Frauen.
Das gesamte System von Produktion, Dienstleistungen, Wohnen, Verkehr und Lebensweise, wie es im 20. Jahrhundert entstanden ist, muß umgebaut werden. Die Effektivität des Einsatzes von Naturressourcen und die Fähigkeit, damit "produktiv" umzugehen, müssen in den nächsten zwanzig Jahren auf ein Mehrfaches steigen. Es sind dies die völlig unterentwickelten Märkte der Zukunft. Dazu werden Arbeit, Kapital und vor allem Wissen gebraucht. Der ökologische und soziale Umbau wird umfangreiche Innovations- und Investitionsprozesse in Gang setzen und kann schon mittelfristig zu einem Nettozuwachs an Arbeitsplätzen führen.
Damit dies erreicht wird, ist ein neuer Rahmen für Märkte unverzichtbar. Er muß u. a. die der Gesellschaft aufgebürdeten Folgelasten des Wirtschaftens, die bisher in den betriebswirtschaftlichen Kosten nicht erscheinen, durch Ökosteuern - die tatsächlich ökologisch regulieren -, Zertifikate und Abgaberegelungen in die Preise hineinholen. Struktur- und Regionalpolitik können zu wünschenswerten Entwicklungen beitragen. Die neue Wirtschaft wird auf einer Globalisierung des Informationsaustauschs, weitgehender Regionalisierung der Stoff- und Energiekreisläufe und Kommunalisierung vieler personenbezogener Dienstleistungen beruhen. Dies ermöglicht die Ausschöpfung des regionalen Arbeitsvermögens und die Herstellung umweltfreundlicher Wirtschaftskreisläufe. Die notwendige Effizienzrevolution im Umgang mit Naturressourcen erfordert entsprechende Neuorientierungen der Forschungs- und Technologiepolitik auf nachhaltige Entwicklung.
Sozialökologische Nachhaltigkeit und Modernisierung der Arbeitsgesellschaft bedeuten Erwerbsarbeit und Verkürzung der Lebensarbeitszeit in differenzierten und flexiblen Formen für alle. Eine moderne Arbeitsgesellschaft muß auch eine neue Verbindung von Erwerbsarbeit und schöpferischer gemeinschaftlicher und individueller Eigenarbeit ermöglichen. Die Erschließung reichhaltiger und sinnerfüllter Felder für Gemeinschafts- und Eigenarbeit kann bei der ökologischen Umgestaltung der Lebenswelten beginnen, muß die Rückgewinnung der Gestaltungshoheit über die gemeinschaftlichen Angelegenheiten in den Kommunen und Regionen umfassen und wird in die Entwicklung einer Vielzahl sozialer und kultureller Projekte münden. Der Ausbau der Möglichkeit zu freiwilliger gemeinschaftlicher und individueller Eigenarbeit ist die Alternative zur weiteren Verwirtschaftung und Kommerzialisierung der sozialen Beziehungen und zur weiteren Reduktion des Lebens auf materiellen Konsum.
Kreativität und Engagement müssen nicht länger auf individuellen Aufstieg im Erwerbsleben, hohe Einkommen und exklusiven Konsum von wenigen beschränkt bleiben. Alle sollen an Erwerbsarbeit und Eigenarbeit nach dem Maß ihrer Fähigkeiten und ihrer Bedürfnisse partizipieren, Sinn für die Verbindung von Arbeit, Leben und Genuß entwickeln und Erfüllung finden.
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